2.7 Autorität

Ein weiterer Hebel, der Sie vermutlich nicht sonderlich überraschen wird, ist die Autorität. Wir fühlen uns Autoritäten gegenüber verpflichtet. Auch dieses Verhalten dient uns als Erleichterung im Sinne einer Entscheidungsheuristik: im Zweifel orientieren wir unser Verhalten an Vorgaben anerkannter Autoritäten. Diese können auf vielerlei Grundlagen beruhen: auf anerkanntem Wissensvorsprung, auch auf einer übergeordneten Position.

Wann wirkt Autorität besonders gut? Insbesondere, wenn äußere Charakteristiken den Eindruck unterstützen. Das können Uniformen oder allgemein Kleidung sein. Nicht umsonst heißt es: Kleider machen Leute. Auch Titel führen zu anerkannter Autorität. Sie sind eine besondere Form von Status-Symbolen, die ganz generell Autorität unterstützen.

Einige Beispiele für Autorität am Werk: Vielleicht kennen Sie den Hauptmann von Köpenick. Das ist eine wahre Geschichte, die mehrfach verfilmt worden ist. Der entlassene Strafgefangene Friedrich Wilhelm Voigt konnte als Hauptmann verkleidet mit einem Trupp Soldaten in das Berliner Rathaus eindringen, den Bürgermeister verhaften und die Stadtkasse rauben. Das alles wurde im obrigkeitshörigen preußischen Berlin nur durch die Autorität möglich, die die Hauptmannsuniform auch dem Schuhmacher Voigt verlieh.

Weitere Beispiele:

  • In Studien wurde nachgewiesen, dass die Reaktion von PKW-Fahrern an der roten Ampel umso geduldiger ausfällt, wenn der Wagen, der vor ihnen nicht reagiert eine Luxuskarosse, als wenn er ein Kleinwagen ist.
  • Eine verschriebene Therapie wird wahrscheinlicher befolgt, wenn die Ärztin, ihre Diplome an der Wand hängen hat.
  • Wir sind bereit, den Werbeaussagen von Autoritäten mehr Gewicht zuzugestehen. Beispiel: Dr. Best aus der Werbung für Zahnbürsten.

Ein drastisches Beispiel für die Wirkung von Autoritäten auf unser Verhalten stammt aus den Annalen der psychologischen Forschung: Das berühmte Milgram-Experiment. Ich darf auch hier wieder eine kurz zusammenfassende Beschreibung aus Wikipedia zitieren (Wikipedia, 2022a):

Das Milgram-Experiment ist ein erstmals 1961 in New Haven durchgeführtes psychologisches Experiment, das von dem Psychologen Stanley Milgram entwickelt wurde, um die Bereitschaft durchschnittlicher Personen zu testen, autoritären Anweisungen auch dann Folge zu leisten, wenn sie in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Der Versuch bestand darin, dass ein “Lehrer” – die eigentliche Versuchsperson – einem “Schüler” (ein Schauspieler) bei Fehlern vermeintlich einen elektrischen Schlag versetzte. Ein Versuchsleiter (ebenso ein Schauspieler) gab dazu Anweisungen. Die Intensität des elektrischen Schlages sollte nach jedem Fehler erhöht werden. Diese Anordnung wurde in verschiedenen Variationen durchgeführt.

Eine der Varianten war, dass die Proband:innen die Schock-Skala ausreizen sollten. Wie sie der nächsten Folie entnehmen können, war das rechte Ende der Skala beschriftet mit severe danger bzw. XXX. Was das bedeuten sollte, war der Fantasie der Proband:innen überlassen. Gut hört es sich aber keinesfalls an. Von welchem Ergebnis ging man vor dem Beginn der Experimente aus? Klinisch arbeitende Psychologen und Psychiater waren sich einig: Es würden wohl ca. 2 % der Versuchsteilnehmer die Skala voll ausreizen, da es in der Population etwa zwei Prozent Psychopathen gibt. Und nur von diesen vermutete man, dass sie eine andere Person einem derart hohen Elektroschock aussetzen würden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Motivation, ein solches Experiment überhaupt durchzuführen. Diese ist die sog. The-Germans-are-different-Hypothese als Erklärung für die Gräuel des Nationalsozialismus. Diese Hypothese ging davon aus, dass wir Deutsche eben besonders obrigkeitshörig sind und es eine derartig autoritäre Ideologie bei uns damit besonders einfach hatte.

Was wurde als Ergebnis beobachtet? Tatsächlich haben etwa zwei Drittel der Teilnehmer die volle Schock-Skala ausgenutzt – den Schalter also auf Anschlag gestellt. Es war allerdings keineswegs so, dass die Proband:innen das leichten Gewissens getan hätten. Sie sehen auf einer Folie ein reales Foto eines Proband:innen, der den Schock verabreichen musste. Es war häufig der Fall, dass die Proband:innen gebettelt haben, dass sie keinen Schock verabreichen sollen. Der nebenstehende Arzt hat derlei Bitten aber immer abgewiegelt. Hat aber nie explizit die Verantwortung übernommen. Zurückhaltend formuliert war die Häufigkeit der potenziell lebensbedrohlichen Schock-Wahlen erstaunlich. Das Ergebnis hat dadurch eine gewaltige Resonanz erzeugt. Es konnte die Hypothese der obrigkeitshörigen Deutschen auch tatsächlich schwächen. Es ist offenbar vor allem die – auch soziale – Situation, die Einfluss auf das individuelle Verhalten ausübt; und das relativ unabhängig von der Persönlichkeit und den Einstellungen der Personen.

Literatur

Wikipedia. (2022a). Milgram-Experiment. Zugriff am 15.08.2022. https://de.wikipedia.org/wiki/Milgram-Experiment