2.1 Zum Unterschied zwischen formativen und reflektiven Konstrukten

Zum Unterschied zwischen formativen und reflektiven Konstrukten bitte ich Sie zunächst die Beiträge zu lesen, die im Seminarprogramm gelistet sind.

Reflektive Konstrukte

Vereinfacht gesagt sind die Indikatoren bei einem reflektiven Konstrukt gegeneinander austauschbare Indikatoren, die im besten Fall also gleich gut und repräsentativ für ein zu messendes Konstrukt stehen. Dabei ist es für die Messung (aber nicht für die Datenanalyse!) egal, ob man nun zwei oder zwanzig Indikatoren erhebt. Diese geben lediglich Auskunft über ein vorhandenes Konstrukt, in ihnen reflektiert sich dessen Ausprägung.

Für reflektive Messmodelle heißt das dann (Weiber and Mühlhaus 2014):

“Bei reflektiven Messmodellen stellen die hypothetischen Konstrukte die Ursache der auf der Beobachtungsebene zu erhebenden Messindikatoren dar. Entsprechend müssen die Messindikatoren beobachtbare „Folgen“ oder „Konsequenzen“ der Wirksamkeit eines Konstruktes auf der Beobachtungsebene widerspiegeln.” (S. 109)

Formative Konstrukte

Formative Konstrukte hingegen bestehen aus der festgelegten Operationalisierung und Messung. Sie formen ein Konstrukt und dessen Form sieht gänzlich anders aus, wenn man auch nur einen Indikator wechselt. Tauscht man einen Indikator aus, misst man also auch ein anderes Konstrukt. Ein recht bekanntes formatives Konstrukt ist bspw. der Human Development Index, von dem Sie sicher schon einmal gehört haben und der sich aus unterschiedlichen Indikatoren zusammensetzt.

Hier ist menschliche Entwicklung das, was als menschliche Entwicklung gemessen wird. Wenn man beispielsweise die Lebenserwartung austauschen würde, für Glück (“Happiness”), das Menschen auf Nachfrage berichten, dann hätte man eine vollkommen andere Messung und vermutlich auch ein anderes Ergebnis, welche Länder welchen Stand der menschlichen Entwicklung haben.

Es gibt eine ganze Menge an formativen Konstrukten, die noch eher dem Bereich der politischen Kommunikationforschung zu zurechnen sind: Denken Sie an den Index zur Pressefreiheit, der jedes Jahr von Reporter ohne Grenzen herausgegeben wird.3

Das zeigt, dass man sich auf Ebene der Konstrukte recht ausgiebig Gedanken machen muss, wie ein Konstrukt definiert wird, was zum Konstrukt dazu gehört und was nicht, wie es sich äußert, wodurch es beeinflusst wird etc. Alleine hierdurch wird deutlich, dass sich eine intensive Auseinandersetzung mit den theoretischen Konstrukten empfiehlt, bevor man sich an die Aufgabe macht, diese überhaupt zu messen.

Nur so viel sei an dieser Stelle für die kommenden Sitzungen bereits einmal gesagt: Die Konstrukte, mit denen wir uns in den Sitzungen in der Literatur beschäftigen werden, sind primär reflektiver Natur.

Daher ist es von zentraler Bedeutung, dass man sich bei der Operationalisierung, d. h. der Entscheidung für geeignete Indikatoren, ausführliche Gedanken machen muss, inwieweit ein Indikator das zugrundeliegende Konstrukt tatsächlich repräsentiert.


  1. Die Beschäftigung mit diesen Indizes und der Diskussion wie diese welche theoretischen Konstrukte operationalisieren, eignet sich übrigens wunderbar für eine Hausarbeit oder zumindest für eine weiterführende Beschäftigung mit den unterschieden reflektiver und formativer Konstrukte.↩︎